“Neue Ideen lösen oft Ängste aus” – Silke Mekat im Interview mit Tandemploy zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie

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“Neue Ideen lösen oft Ängste aus” – Silke Mekat zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie

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Silke Mekat ist Diplom Betriebswirtin und Inhaberin von Soulution Coaching. Sie begleitet als Beraterin, Trainerin und Coach Unternehmen und deren Mitarbeiter in den Themen Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Mitarbeiterbindung und wertschätzende Führung. Wie es um die Familienfreundlichkeit in deutschen Unternehmen steht – und wie  Jobsharing helfen kann, diese zu verbessern – hat sie uns im Interview erzählt. 

Was verändert sich gerade in unserer Arbeitswelt?

Als ich 2012 mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie begann, stieß ich in den Unternehmen auf Unverständnis. „Brauchen wir nicht“ war eine sehr häufige Antwort. Inzwischen ist der Fachkräftemangel angekommen, auch in Bayern. Damit rücken gerade Frauen verstärkt ins Auge der Arbeitgeber und Personaler.  Firmen schauen heute mehr auf ihre Mitarbeiter und auch die Wichtigkeit von Frauen, als Teil der Belegschaft, ist erkannt worden. Gleichzeitig wandelt sich unsere Firmenwelt hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft und damit hin zu den Wirtschaftszweigen, in denen Frauen schon seit langem präsent und gut sind. Das Neue ist, dass sie Bedingungen fordern können, die ihnen entgegenkommen.
Neben dem Wandel hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft und dem demografischen Wandel, kommt noch etwas auf die Unternehmen zu: viele Männer würden gern kürzer und ein Großteil der Frauen gern länger arbeiten.

Sind Unternehmen hierzulande familienfreundlich?

Obwohl viel und überall darüber geredet wird, ist Familienfreundlichkeit in deutschen Unternehmen längst noch keine Selbstverständlichkeit. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie von A.T. Kearney. Die überwältigende Mehrheit der arbeitenden Frauen mit Kindern oder Kinderwunsch sieht einen Engpass bei Notfallbetreuungen und bei der Kinderbetreuung in den Schulferien. Den Männern fehlen meist Spezialangebote für Väter. Beide, Männer und Frauen, sehen einen großen Nachholbedarf beim Thema Vorbilder. Die wenigsten haben Führungskräfte und Vorgesetzte, die in puncto Vereinbarkeit mit gutem Beispiel vorangehen.
Es gibt also viel zu tun, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und Mitarbeiter zu binden. Die künftige Überlebensfähigkeit in einem Bewerbermarkt hängt in grossem Maße davon ab, wie die Bindung guter Mitarbeiter gerade auch in mittelständischen Unternehmen gelingt.

Mit welchen Problemen wenden sich die Unternehmen an Sie?

Meine Beratung umfasst die Unterstützung rund um Kinderbetreuung und Wohnungssuche in einem engen Markt, bis hin zum Wiedereinstiegscoaching der Frauen. Wieder andere Firmen berate ich bei einer Strategie sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren und dies auch zu leben. Auch die Mitarbeitergesundheit ist mein Thema. Zu guter Letzt bin ich Trainerin unter anderem für die Haufe Akademie, für die ich ab 2015 Seminare für berufstätige Frauen in der Mehrfachbelastung zwischen Beruf, Karriere und Familie geben werde.

Oft sind es besonders die Frauen, die einer Doppelbelastung zwischen Beruf und Familie ausgesetzt sind. Was kann Ihrer Meinung nach zu deren Entlastung beitragen?

Frauen sind vor allem Wertschätzung und Anerkennung wichtig. Gehen sie als Mutter arbeiten, haben sie meist ein schlechtes Gewissen ihren Kindern gegenüber. Gleichzeitig haben sie auch gegenüber ihrem Vorgesetzten, den Kollegen und nicht zu Letzt auch den eigenen Karrierewünschen gegenüber ein schlechtes Gewissen. Berufstätige Mütter zerreiben sich an allen Fronten und achten am wenigsten auf sich selber, das höre ich in meinen Beratungen immer wieder. Zeit für sich selber, um aufzutanken und wieder neue Energien zu tanken, nehmen sich die wenigsten. Schön wäre es, wenn wir noch mehr wegkommen als Gesellschaft von dem Ideal der Frau, die eine tolle Mutter ist, die ihre Kinder optimal fördert, überall hinfährt und immer präsent ist. Die gleichzeitig auch im Beruf einen tollen Job macht, schlank und fit ist, vielseitig interessiert und alle Bälle gleichzeitig in der Luft hat. An solchen Vorstellungen kann man nur scheitern.

Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach die Männer bei der Gleichberechtigung in der Arbeitswelt?

Solange Kinder ein Karrierehindernis darstellen, Frauen in Vorstellungsgesprächen nach ihrem Kinderwunsch gefragt werden und man sich im Zweifel dann doch für einen Mann entscheidet, so lange wird sich an diesen Zahlen leider nichts ändern. Es muss ein Umdenken stattfinden. Nicht nur bei Männern, auch bei Frauen, denn die wenigsten von ihnen möchte eine Frau als Chefin.
Je mehr Väter jedoch auf eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie drängen. Je mehr sie nicht nur Wochenend-Papa sein wollen, sondern aktiv am Leben ihrer Kinder teilnehmen möchten. Je häufiger ein Mann seinen Vorgesetzten fragt, wie die Firma ihn und seine Familie unterstützt. Je mehr Männer das Thema aus der Frauennische herausholen, umso mehr wird sich in den Köpfen und damit in den Firmen tun.

Was halten Sie von Jobsharing?

Jobsharing ist eine sehr gute Sache, gerade für gut ausgebildete Fachkräfte. Mit der Aufteilung sind auch Führungspositionen, die eine Vollzeitstelle erfordern, mit reduzierter Arbeitszeit möglich. Ich denke, dass sich dieses Arbeitsmodell weiter ausbreiten wird. Natürlich muss das Unternehmen erst in Vorleistung gehen. Es muss den Mitarbeitern vertrauen, dass sie ihre Arbeit machen. Das kann man nicht über Stunden messen, sondern nur über die Leistung. Das Unternehmen muss vielleicht in Verwaltungsausgaben oder technische Einrichtungen investieren. Neue Ideen lösen oft Ängste aus. Aber langfristig wird sich zeigen, dass es sich lohnt, wenn ein Unternehmen sich Gedanken macht, wie es Mitarbeiter halten und neue bekommen kann.

Wofür wünschen Sie sich mehr Zeit?

Als selbständige Trainerin, Coach, Autorin, Bloggerin und Mutter fehlt mir häufig Zeit. Dabei lässt sich gar nicht so genau sagen wofür, denn es ändert sich ja im Laufe einer Woche oder eines Monats. Theater hätte ich noch vor ein paar Wochen gesagt, dafür fehlt mir Zeit. Doch jetzt gehe ich regelmäßig mit meiner Tochter ins Theater oder Musical, etwas was uns beiden großen Spaß macht. Freie Zeit gehört ganz klar meiner Tochter und meinem Mann.

Uta Kotzur

Über Uta Kotzur

Uta Kotzur unterstützt das Team von Tandemploy bei der täglichen Arbeit und schreibt unter anderem Artikel für zweiteilen. Bereits während ihres Studiums beschäftigte sich sich mit dem Themen Zukunft der Arbeit und nachhaltige Lebenswelten. Ihre Masterarbeit schrieb sie über Jobsharing, so kam sie auch zu Tandemploy. Uta ist überzeugt davon, dass dieses Arbeitsmodell optimale Rahmenbedingungen in bestimmten Lebensphasen schafft.

Quelle: Tandemploy

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